Bericht einer Betroffenen (anonymisiert):

 

In meiner Vergangenheit habte ich relativ wenig Alkohol getrunken, vielleicht  2 bis 3 Flaschen Bier im Monat. Und dies auch nur bei gelegentlichen Feiern.

Irgendwann fand ich eine alte Flasche Wein im Keller, die ich eigentlich entsorgen wollte. Ich mochte keinen Wein und diese Flasche hat sich, mit einigen anderen, im Keller angesammelt. Mitbringsel von Freunden oder der Familie.

Ich fand dann doch, dass es zu schade war, einfach etwas wegzuwerfen ohne es vorher probiert zu haben. Die Flasche Dornfelder, die lt. Etikett nun schon 10 Jahre auf dem Buckel hatte, erwies sich als äusserst schmackhaft (Dornfelder eignet sich eigentl. nicht zum Einlagern).

Gelegentlich gönnte ich mir ein Gläschen am Abend, und so wurde auch mein Keller wieder leerer.

Ich bemerkte nach einigen Monaten, daß ich mehr "vertrug" als vorher. Eine Flasche Rotwein am Abend war schnell getrunken. Meine Stimmung hob sich, anschließend wurde ich schnell müde und konnte wunderbar einschlafen. Dieses "Ritual" fand nun mehrmals in der Woche statt. ( Ausserdem gelten Heavy Metal-Fans ja als äusserst trinkfest.)

Nach einiger Zeit wurde es im Beruf sehr stressig: Ich befand mich in einer Leitungsposition und die Anforderungen seitens der Kollegen und des Chef´s stiegen. Auch der Umgang hat sich verändert: Respektlosigkeit bis hin zu "Fehler suchen" und Mobbing. Ich fühlte mich überfordert und hilflos, wollte aber in keinster Weise Schwäche zeigen. Privat fand ich auch keine Ruhe: Ich war heillos überfordert mit meiner kleinen Tochter, die zu diesem Zeitpunkt 3 Jahre alt war, und konnte ihr und meinem Mann nicht mehr gerecht werden. Und mir selbst schon gar nicht.

Ich fühlte mich als "Versager". Nichts brachte ich mehr so richtig auf die Reihe. Ich wurde unzufrieden, depressiv. Wurschelte mich so durch´s Leben - Tag für Tag. Wenigstens konnte ich nachts gut schlafen, das Gedankenkarussell hatte ich mit der abendlichen Flasche Wein ja schon abgestellt.

Aber am Morgen ging es wieder von vorne los! Ich quälte mich in die Arbeit, hatte Angst "was mich am heutigen Tag wohl wieder erwarten würde!" Ich machte Fehler - die natürlich entdeckt wurden. Um diese "Angst" zu betäuben trank ich manchmal schon nachmittags. Dort fühlte ich wenigstens meine Hilflosigkeit nicht so.

Ich begann mich wohl zu verändern. Bemerkt habe ich dies an mir selbst am Anfang nicht. Ich war wie ferngesteuert, emotionslos. Oder ich steigerte mich in Dinge hinein, Peanuts eben.

Schlafen konnte ich auch nicht mehr richtig, ich bekam regelrechte Albträume.

Mein fester Halt war meine damals beste Freundin. Plötzlich distanzierte sie sich von mir, erfand Ausreden, Lügen. Ich fühlte mich hintergangen. Gedemütigt. Irgendwann im Suff muss ich sie wohl angerufen und meine Wut herausgelassen haben. Ich weiß es nicht mehr. Leider!

Sie kündigte mir die Freundschaft. Das riss mir den Boden unter den Füßen weg. Es brach mir das Herz. Wieder einmal fühlte ich die Bestätigung: "Du taugst nichts!"

Es passierte mir öfter, daß ich mich an Situationen vom Vortag nicht mehr erinnern konnte.

Alkohol bestimmte von dieser Zeit an mein Leben. Manchmal 3 Flaschen Wein am Tag. Bevor der erste Morgenkaffee auf den Tisch kam, wurde erst einmal eine Flasche geöffnet. Heimlich natürlich! Verstecke fand ich überall - aber manchmal die Flaschen nicht. Hatte ich die schon entsorgt?

Manchmal fand mein Mann diese Flaschen. Er ahnte schon lange dass ich trinke. Hauchte ihm natürlich ein "nein, ich trinke nicht" ins Gesicht. Die Fahne war eindeutig. Ich roch sie nicht.

Ich wurde leichtsinnig. Fuhr angetrunken Auto. Ich fühlte mich wie auf Wattewolken schweben auf der Straße. Wie in einem Formel1-Spiel. Hatte ich mein Auto doch voll unter Kontrolle!

Manchmal fuhr auch meine Tochter mit, oder andere Kinder!

Im November vor zwei Jahren hatte ich einen wichtigen Termin in der Werkstatt. Auf dem Hinweg platze mir der rechte Vorderreifen. Ich rief meinen Mann an, der den Reifen wechseln sollte. Er meinte, ich solle den Termin doch absagen! Hätte ich doch nur auf ihn gehört. Aber im Nachhinein war es wohl besser so.

Auf der Heimfahrt von der Werkstatt nestelte ich am CD-Player herum. "Geboren um zu Leben" wollte ich doch hören. Ich blickte auf die Fahrbahn und bemerkte, daß ich bereits auf die Gegenfahrbahn kam. Ich riss das Lenkrad herum und sah nur noch die Bäume auf mich zurauschen. Tempo 100. Ich fühlte, als ob jemand mein Auto am Heck festhielt und es drehte, so daß ich rückwärts in diesen Wald fuhr. Ich fuhr zwischen den Bäumen hindurch, über abgeholzte Baumstämme. Ich konnte weder reagieren noch lenken. So, als spiele jemand mit mir, als sei mein Auto ein Matchboxauto. Es fühlte sich weich an, gar nicht holprig. Wie sich später herausstellte war dies mein Glück. Frontal wäre ich wohl in die Bäume gefahren. Ich musste viele Schutzengel gehabt haben.

Aufmerksame Autofahrer verständigten meinen Mann. Es war ja dunkel und kalt zu dieser Jahreszeit. Beschämt ließ ich mich abholen. Kurze Zeit später klingelte es an der Tür. Die Polizei stand davor, wollten, daß ich mitkomme. Ich dachte nur: "Gott sei Dank hat dies nun ein Ende!" 

Ich schämte mich so fürchterlich! Mein Führerschein wurde mir sofort abgenommen und das Blutergebnis stellte 2,39 Promille dar. Am liebsten wollte ich einschlafen - und nie wieder aufwachen.

Am nächsten Tag sah ich mein Auto: Der Unterboden war aufgerissen, die rechte Seite von Front bis Heck eingedrückt. Was hatte ich getan!? Wenn mein Kind darin gesessen wäre. Wenn ich in ein anderes Fahrzeug gerauscht wäre. Ich hätte Menschenleben auf dem Gewissen haben können! Ich hätte jemanden umbringen können! Mein Gott war ich ein Arschloch! Ich war so ein Mensch, den ich verachtet hätte. Ich selbst trug nur einen kleinen Kratzer davon.

Dies war der Punkt wo ich sagte: STOPP!

Ich schaffe es alleine nicht mehr, ich muß in Therapie.

Und das war die beste Entscheidung meines Lebens!

In der Therapie lernte ich mich selbst wieder kennen, meine Ressourcen zu nutzen. Ich war 16 Wochen nur auf mich konzentriert. Lernte, wie schön das Leben sein kann, Kleinigkeiten zu schätzen. Ich erfuhr Erfolge, Ziele zu haben - und daß es sich lohnt zu kämpfen, lohnt zu Leben. Ich fühlte mich von meiner Familie unterstützt, geliebt. Ich fühlte wieder Trauer, Wut und auch Glück.

Wut auf mich selbst! Ich habe mir verziehen. Meine Familiehat dies schon längst!

Ich stehe jetzt zu mir selbst und sage mir: "Okay, du hast Scheisse gebaut. Aber es war auch gut so. Ich bin alkoholkrank und ich hatte VERDAMMTES Glück! Nutze diese Chance! Die vielleicht letzte Chance!"

Die Ressonanz meines Umfeldes war gigantisch. Viele waren stolz auf mich! Ich fühlte mich wieder lebendig, wertvoll. Hatte wieder Pläne, Ziele!

Meine damalige Freundin, die auch meine Arbeitskollegin war, lästerte wirklich böse über mich. Habe ich erfahren. Natürlich gab es Menschen, die weiterhin über mich herzogen, meist diejenigen, die auch gerne mal ein Glas mehr getrunken haben. Aber sollte ich mich deswegen schämen? Ich habe etwas unternommen, habe gelernt zu mir zu stehen. Die Vergangenheit kann ich nicht ungeschehen machen - und ich will sie auch nicht ungeschehen machen. Schämen sollten sich diejenigen, die oberflächlich denken! Kehrt doch vor Eurer eigenen Tür! Verlogen! Ergötzt Euch am Leid anderer! Wie krank ist das denn!?

Einige meiden mich noch immer! Sollen sie doch! Die haben doch keine Ahnung! Mit denen will ich auch nichts zu tun haben! Die sind es nicht wert, daß ich ihnen mein Vertrauen schenke!

Schuld war nicht die Situation in der Arbeit oder zuhause. Schuld war ich selbst. Nicht, weil ich mich nicht dagegen wehren konnte, sondern daß ich nicht zu meinen Problemen gestanden habe und diese mit Alkohol kompensiert habe.

Mit Wille hat dies letztendlich auch nichts zu tun. Aufhören zu Trinken wollte ich schon lange. Aber ich konnte nicht. Am Anfang war es lustvoll zu Trinken - am Ende nur noch eine Qual.

Das "Suchtgedächtnis" schläft nicht! - NIEMALS!

"Du darfst keinen Alkohol mehr trinken!" Dies hörte ich oft! Nein, ich darf ALLES!

"ICH TRINKE KEINEN ALKOHOL!" Weil ich weiß, was passieren würde, wenn ich ihn trinken würde. Und das will ich nicht mehr! Es ist es nicht wert für 2, 3 Stunden "Spaß haben zu wollen", wenn danach mein ganzes Leben wieder den Bach runter geht. Ich weiß, wenn ich einmal davon "koste", kann ich nicht mehr aufhören! Ich kenne mich! Es würde mich wieder reizen. Und diese persönliche Grenze werde ich nicht wieder überschreiten! Ich war am Boden - ich weiß wie das ist. Aber es war auch wichtig. Denn, nur der, der am Boden liegt kann wieder aufstehen! Aber diese einmalige Erfahrung reicht mir!

Ich gehe offen mit meiner Situation um. Je mehr, mir vertraute Menschen, davon wissen um so mehr Sicherheit und Halt empfinde ich!

Ich schaue nun auf mich, habe meine Leitungsfunktion an den Nagel gehängt. Will ich auch nicht mehr. Ich muß mir nichts mehr beweisen! Und den anderen schon gar nicht! Ich habe neue Ziele und Projekte in meinem Leben gefunden. Ich weiß, wie ich mit Konflikten, Stress und Überforderung umzugehen habe. Und meinen Führerschein bekomme ich auch bald wieder. Und eines weiß ich 100%tig: Alkohol brauche ich definitiv nicht.

Und wenn ich meine ehemalige beste Freundin zufällig treffe und sie mich hasserfüllt ansieht, daß es mir eiskalt den Rücken runterläuft, weiß ich: "Dich brauch ich erst recht nicht!"

 


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